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  • AutorenbildMichi

Victoria 3

Ich habe hier auf Vancouver Island so viele unglaublich nette Menschen kennengelernt, dass es mir direkt ein bisschen schwer faellt, weiter zu ziehen… Die Zeit in Vancouver war cool, die Zeit in Victoria war cooler, die Reisegelassenheit ist schon lange wieder da.

Meinen nun doch nur dreitaegigen Trip von Strand zu Strand kann ich kaum in Worte fassen…

1. Tag – Ich gehe mit meinem Rucksack aus Daves Haus und will eigentlich noch ein Foto davon machen, schon spricht mich jemand an, was ich denn so vorhabe. Blablabla, dieser Kerl, ein Surfer und Kayaker, und noch zwei andere nehmen mich ein Stueckchen mit Richtung Ausgangspunkt des Juan de Fuca Marine Trails. Einkaufen. Mit dem Bus nach Langford. Warten. Mit dem Bus nach Sooke. Mein Trampabenteuer beginnt. Den Ersten, der angehalten hat – ein junger, sympathischer Kerl -, habe ich abgelehnt, weil er mich nur ein paar Kilometer mitnehmen haette koennen. Bei dem Zweiten, ein Aelterer, steige ich ein, obwohl auch er nicht weit faehrt. Egal, Hauptsache dem Ziel naeher kommen. “Do you know why March is like a man? It comes in like a lion and it goes out like a lamb.” Danke fuer diese Lebensweisheiten… Der Dritte ist ein durchschnittlich langweiliger Kerl. Der Vierte ein ziemlicher Bauer aus Edmonton, Alberta. Wilder Kerl. Geschichte fuer sich… Den ersten Tag habe ich mir dann schwerer gemacht als er eigentlich ist. Da ich die Campinggebuehren nicht bezahlt habe, habe ich hinter jedem Busch nicht nur einen Baeren oder einen mountain lion, sondern auch noch einen Parkranger erwartet, der von mir Minimum 50 Dollar Strafe kassieren moechte. Paranoia! Trotzdem bin ich heil am Bear Beach angekommen, wo ich meine erste, bitterkalte und einsame Nacht im Zelt verbracht habe. Da ich lediglich meinen duennen Sommerschlafsack dabei hatte, hatte ich all meine Klamotten an: oben vier Lagen, Unterhose, zwei lange Unterhosen, lange Hose, zwei Paar Socken, Stirnband, Muetze, Handschuhe. Am Abend hat es dann zum Regnen angefangen. In der Nacht habe ich getraeumt, dass die Fluten des donnernden Pazifiks mich mitsamt Zelt in die Ferne spuelen.

2. Tag – Dank Ohrstoepsel konnte ich doch ein bisschen schlafen. Dauerregen. Wer sich so wie auch ich gedacht hat, ich wuerde eine gemuetliche Strandwanderung machen, der hat sich gewaltig getaeuscht. Der zweite Tag des Juan de Fuca Marine Trails war mit die anspruchsvollste Trekkingtour, die ich bisher gemacht habe… Ich bin nicht weit gekommen, da die Flut mir den einzigen Weg abgeschnitten hat. Warten. Ein paar Stunden spaeter zog sich das Wasser zurueck und ich konnte die Engstelle a la Super Mario ueberwinden. Unzaehlige Male ging es bergauf, bergab, bergauf, bergab, bergauf, bergab. Einen creek, also eine Klamm bzw. Schlucht musste ich sogar barfuss durchqueren. Waere ich auf dem rutschigen Moos ausgerutscht, haette mich das Wasser in voller Montur in den eiskalten Ozean gespuelt. Mir war so schon kalt genug. Voellig durchnaesst habe ich die Nacht in einer Notunterkunft verbracht, welche ich lediglich mit einer fetten Ratte teilen musste. Schauergeschichten von meinen wenigen Vorgaengern im Gaestebuch der Notunterkunft. Albtraeume… Mit meinem Campingkocher habe ich versucht, meine nassen Sachen zu trocknen, was zwar ewig gedauert hat, aber doch ganz gut ging. Vor dem boesen Baeren hatte ich weiterhin Angst. Da kann einem durchaus die Frage nach dem Sinn des Ganzen kommen…

Tag 3 – Aufwachen bei… Sonnenschein! Traumwetter, Traumtag! Sinn? Einfach hier und jetzt sein und geniessen! Trotzdem habe ich mich dazu entschieden, den Trail nach etwa 27 km von 47 abzubrechen. Von den gegangenen Kilometern war fast jeder Schritt entweder eine Schlammschlacht oder ein rutschiger Balanceakt, weshalb ich fuer jeden Kilometer etwa eine Stunde gebraucht habe. Mittagessen am Sombrio Beach. Sardinen, Brot, Avocado, Datteln. Surfer. Hunde. Menschen. Kein Parkranger. Wieder 30 Dollar gespart! Trampen: Der Erste faehrt in die falsche Richtung, der Zweite auch, der Dritte faehrt vorbei, der Vierte faehrt wieder in die falsche Richtung. Der fuenfte Wagen, drei junge, huebsche Kanadierinnen, haelt an. China Beach. Ich sage nicht nein. Wir sammeln bestens gelaunt wunderschoene, von Mama Erde geschaffene Kunstwerke (Muscheln, Seesterne und Hoelzer), klettern zu dritt auf einen riesigen Baumstamm vor einem gewaltigen Wasserfall, ich werde von einer Welle erwischt. Zweieinhalb Tage lang bin ich von Strand zu Strand geeilt und hatte kein Auge fuer die kleinen Dinge im Leben. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. So habe ich mit dem Sammeln und Bearbeiten bzw. Verkunstwerken von solchen Hoelzern eine neue Leidenschaft gefunden… Die Maedels nehmen mich bis nach Langford mit, von wo aus es eine Leichtigkeit ist, zu Daves Haus zurueckzukehren. Abendessen bei Leanne, die auch bei unserem epischen Radlausflug dabei war. Reis mit Tofu und Hendl. Gitarre, Banjo, Mundharmonika, Xaphoon, Keyboard spielen. “Hit the hay”.

Gefuehlstechnisch war an den drei Tagen alles vorhanden: Angst, Paranoia, Ungewissheit, Einsamkeit, Zweisamkeit (Ratte), Dreisamkeit, Viersamkeit, Glueck… Ich habe mir den Arsch abgefroren, ich habe geschwitzt, ich war voller Dreck und bis auf die Unterhose durchnaesst. Auch wenn es sich vielleicht nicht immer so angehoert hat, das Glueck hat definitiv dominiert. Was fuer eine gewaltige Wildniswatschn! Leck mich am Arsch! Und was bin ich nur fuer ein Glueckspilz! Danke liaba Gott…

Morgen moechte ich mit der Faehre wieder auf das Festland und wenn moeglich bis in das Okanagan Valley trampen. Da das Ganze aber doch ein gutes Stueck Weg ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich es bis dorthin schaffen werde. Ich koennte es locker noch ein paar Tage auf der Insel aushalten, doch ich moechte noch so viel wie moeglich von BC sehen, bevor am 30.4. meine Arbeit bei Kumsheen in Lytton beginnt. Leider habe ich noch keine Couch sicher, lediglich drei Telefonnummern, ich breche also wieder in das Ungewisse auf. Doch wenn Trampen auf dem Festland nur ansatzweise so genial funktioniert wie hier auf der Insel, bin ich mir sicher, dass ich eine gute Zeit haben werde. Endlich habe ich, nach Jahren der Sucherei, die Koenigsform des Reisens gefunden!

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