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  • AutorenbildMichi

Teneriffa – Martinique

29.11.2016 – Tag 53

Inzwischen sind wir seit über zwei Wochen kontinuierlich am Segeln. Tag und Nacht. So befinden wir uns bereits irgendwo über dem Mittelatlantischen Rücken. Dort wird stetig neue ozeanische Kruste gebildet, wodurch sich der Atlantik jährlich um etwa 3,4 cm verbreitert. Mehr als die Hälfte der etwa 2.700 Seemeilen ist geschafft. Bis Martinique bleiben noch knapp 1.000. Also noch eine gute Woche… Pipifax!

Von Montag bis Freitag unterrichten wir vier Lehrer täglich bis zu sieben Schulstunden, am Samstag lediglich drei, danach folgt Großreinschiff, d.h. unsere Johnny wird von oben bis unten, innen wie außen geschrubbt. Ich bin für Englisch, Geographie und Politik zuständig. Sonntage sind frei. Die Tage ähneln einander sehr, zumindest was den typischen Ablauf betrifft: Um 07:00 Uhr werden alle außer der 0-4 Wache von der 4-8 Wache geweckt (oder auch nicht), um 07:30 Uhr wird gefrühstückt. Jeden zweiten Tag bekommen wir Müsli, jeden Donnerstag und Sonntag gibt es Nutella. Dazu ein Obststück. Seit heute ist Obst allerdings alle. Danach folgen die ersten drei Schulstunden. Um 11:15 Uhr treffen sich Stammcrew, Lehrer und ab und zu auch die Schülervertreter zur täglichen Konferenz… blablabla. Um 12:00 Uhr gibt es Mittagessen. Bis 14:00 Uhr ist Siesta auf dem Vorschiff oder in der Koje angesagt! Dann kommen wieder zwei Schulstunden, parallel dazu Kartenunterricht für den SBF See. Um 16:00 Uhr Kaffee, manchmal auch Kuchen. Ab 16:15 Uhr nochmal zwei Schulstunden, parallel dazu wieder Kartenunterricht. Um 18:30 Uhr Abendessen. Danach wird entweder geschafkopft, Gitarre gespielt, in die Sterne geschaut, ein alkoholfreies Dosenbier getrunken, die Messe in ein Schiffskino verwandelt (bisher lief Into the wild), gelesen oder einfach früh in die Koje gegangen.

Anfangs hatte ich noch extrem viel Zeit zum Lesen, teilweise war mir auch langweilig. Seit geraumer Zeit fliegen die Tage allerdings nur so dahin, sodass ich immer weniger Zeit für mich finde. Von Stress kann dennoch keine Rede sein! Eher wird die Langsamkeit entdeckt.

Noch nie in meinem Leben war ich so abgeschnitten von der Außenwelt – weder in Feuerland, noch in British Columbia oder sonst wo. Seit über zwei Wochen haben wir keinen Handyempfang, kein Internet, keinen Kontakt zur Heimat, hören bzw. lesen keine Nachrichten, sehen keine anderen Menschen, kein Land, keine Bäume… Man lebt in seiner eigenen kleinen Welt und schaukelt mit ein paar Knoten in Richtung Karibik. Man verliert sich in Raum und Zeit. Man lebt aber irgendwo auch im Stand-by und hat das Gefühl, etwas zu verpassen. Das Leben zu verpassen. Auf der anderen Seite sehen wir immer wieder Delfine, manchmal sogar Wale aus nächster Nähe, oft auch fliegende Fische – der ein oder andere ist schon an Deck unserer Johnny gelandet und wird demnächst im Biologieunterricht seziert oder in der Kombüse zubereitet. Zweimal haben wir schon eine jeweils etwa ein Meter lange Goldmakrele gefangen… Lecker!

Ein Gefühl von Freiheit kommt in der Enge der Johnny in den Weiten des Atlantiks zwar nur sehr, sehr selten auf, dennoch kann ich mich nicht beschweren. Es geht mir gut!


01.12.2016 – Tag 55

Da wir nun südlich des nördlichen Wendekreises (23,5° N) unterwegs sind, befinden wir uns endlich in den TROPEN! Etwa 5.000 m über der AMERIKANISCHEN Platte!

Noch einmal zurück zur Freiheit: Seitdem ich mein Abitur in der Tasche habe, war ich noch nie so unfrei wie momentan. In den ersten Tagen des Probetörns dachte ich sogar, ich sei schließlich doch noch beim Bund gelandet. Ganz so schlimm ist es zwar nicht mehr, dennoch vermisse ich meine Freiheit! Meine Freiheit, zumindest hin und wieder selbst entscheiden zu können, wann bzw. ob mein Wecker überhaupt klingelt, ob und wenn ja, wann und was ich frühstücke. Meine Freiheit, das Mittagessen auch einmal ausfallen zu lassen. Meine Freiheit, mit genau den Leuten kostbare Zeit zu verbringen, die mir am Herzen liegen. Meine Freiheit, Klettern zu gehen. Meine Freiheit, montags ein Bier zu trinken – oder auch zwei. Meine Freiheit, Musik nicht mit Kopfhörern in der engen Koje zu hören, sondern am besten live und zwar in voller Lautstärke! Meine Freiheit, irgendwann auch einmal Feierabend zu haben und diesen dementsprechend zu würdigen. Meine Freiheit, so zu reden, wie ich es gelernt habe, und dabei verstanden zu werden. Meine Freiheit zu Laufen und zu Springen, am besten barfuß. Meine Freiheit, frei zu sein…

Genug gemeckert! Irgendwann macht einem wohl die Monotonie des Wassers ein wenig zu schaffen… Wenigstens ist hier die Welt noch einigermaßen in Ordnung!

Ich freue mich auf Martinique! Auf Land & Leute! Und auf Grenada und auf den Tauchkurs dort und auf die San Blas-Inseln und auf Panama und v.a. auf Costa Rica undundund… Am Mittwoch soll die längste Durststrecke des Törns vorbei sein!


02.12.2016 – Tag 56

Beim Lesen von Ein Café am Rande der Welt wurde mir mal wieder klar, was mir eigentlich schon lange klar ist: Dass ich das Leben liebe, dass ich mein Leben liebe, mein Leben daheim und dass es gar nicht mehr so leicht ist, dieses geile Leben zurückzulassen, geschweige denn zu toppen!!! Wenn ich nur an das bisherige Jahr denke… Wahnsinn!!! Manche Menschen gehen auf Reisen, weil sie dem Alltag entfliehen möchten, weil sie eine Auszeit brauchen. Ich dagegen hätte genauso gut daheim bleiben können und hätte auch eine gute Zeit! Andererseits versäumt man daheim auch nichts! Dahoam is ned nur dahoam, sondern dahoam bleibt a dahoam! Deshalb genieße ich im Grunde doch die Zeit hier auf der Johnny!

Nach dem Aufstehen werfe ich zu aller erst einen Blick auf unser GPS und darf feststellen, dass wir der Karibik immer näher kommen! Danach wünsche ich der kurz zuvor aufgegangenen Sonne einen wunderschönen guten Morgen! Die schönste Zeit des Tages ist, wenn die Schüler Unterricht haben, ich aber nicht… Dann gehört mir das Vorschiff praktisch alleine und ich habe alle Zeit der Welt zu lesen – auch wenn ich nicht unmenschlich viel lese, so habe ich wohl noch nie zuvor in meinem Leben so viel gelesen -, nachzudenken oder einfach nur ein paar Minuten zu sein. Im T-Shirt und in der Kurz‘n! Und das Beste ist, dass die ganzen Höhepunkte unseres Törns jetzt erst noch kommen – und zwar Schlag auf Schlag! Übermorgen habe ich Geburtstag! Mitten auf dem Atlantik! Wie gesagt, ich liebe mein Leben! Ich hoffe, ihr auch! Danke!!!


05.12.2016 – Tag 59

Seit gestern bin ich 29… Wie die Zeit verfliegt! Ein paar Tage vor meinem Geburtstag habe ich mir gedacht, dass es auch mal cool wäre, wenn keiner wüsste, dass ich mal wieder ein Jahr älter werde, aber schlussendlich hat es sich doch gelohnt, dass alle Bescheid wussten…

Zunächst noch mit Manuel und Mira auf den Segelsäcken Sterne und Sternschnuppen gezählt, später alleine „reingefeiert“. Mit alkoholfreiem Bier? Schlafen. Sonnenaufgang. Geburtstagsgeschenk von Harald: Ich durfte mit ihm den Großmast ganz rauf, also auf den höchsten Punkt des Schiffes und sowieso weit und breit (über 30 m), und ein neues Fall einfädeln. Bester Platz auf dem Schiff!!! (Spätestens seit einer der vier Steuermänner gestern Abend im Eifer des Gefechts den Großmast fast ganz rauf ist – ohne Gurt –, oben feststellen musste, dass er keine Kraft mehr hat, um wieder heil hinunterzuklettern, und ich an der Rettungsaktion beteiligt war, weiß jeder, dass an mir ein Affe verloren gegangen ist. So verbringe ich nun fast mehr Zeit in einen der beiden Masten als auf dem Deck.) Von dort oben schaut die Erde tatsächlich aus wie eine Scheibe! Gutes Mittagessen! Danach Atlantiktaufe, Partystimmung. Da Zeitumstellung, 25 Stunden Geburtstag. Mitten auf dem Atlantik!

Wunderbare 29 Jahre, v.a. die letzten zehn waren der Wahnsinn! So kann es weitergehen!

Heute war ich wieder im Mast, morgen nochmal…


07.12.2016 – Tag 61

Atlantik überquert!!! Martinique…

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